Nichtwähler

Im Rahmen dieser Projektseite nur einige kurze Anmerkungen zu Nichtwählern bzw. Ungültigwählern.

Nichtwählerforschung

a) Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) / Manfred Güllner
(Vollständige Studie als pdf)

Nach einer neuen Studie der Friedrich Ebert Stiftung (FES) sind nur 14% der Nichtwähler dies dauerhaft (gemessen für die letzten 15 Jahre), etwa ebenso viele sind erstmals Nichtwähler, fast 50% bezeichnen sich als gelegentliche Nichtwähler; ein Viertel aber sind „Wahlverweigerer“ (ihr Anteil ist im Ost fast doppelt so hoch wie im Westen).

Nichtwähler sind mit der Demokratie deutlich unzufriedener als Wähler (sie lehnen sich also nicht, wie oft behauptet, bequem zurück, weil alles so schön ist). „Die Unzufriedenheit mit politischen Akteuren (33%) und politischen Inhalten (16%) wird als Hauptmotiv der Nichtwähler genannt. Persönliche oder formale Gründe, wie das Wahlsystem (5%), die Entfernung zum Wahllokal (1%) oder schlechtes Wetter (1%) werden demgegenüber nur [äußerst] selten als Grund für die Wahlenthaltung genannt.“ (Aus einer Kurzfassung der FES-Studie)

Dass die befragten Nichtwähler mit 83% einem guten Schul- und Bildungssystem die höchste politische Priorität beimessen (vor Gesundheit, Altersversorgung und sicheren Arbeitsplätzen) zeugt nicht gerade für besonderen Egoismus (denn für die meisten Nichtwähler ist das Thema Schul- und Bildungssystem bereits durch).

b) Studien der Bertelsmannstiftung

Der „typische Nichtwähler“ kommt aus den sozial schwächeren Milieus. Das belegt eine Analyse der vergangenen Bundestagswahl, die Nichtwähler nicht wie bislang nur Stadtteilen, sondern gesellschaftlichen Milieus zuordnet. Die Bertelsmann Stiftung wertete dafür gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut infratest dimap die 640 repräsentativen Stimmbezirke der ARD-Wahlumfrage aus. Demnach war die Wahlbeteiligung im September 2013 in sozial privilegierten Schichten um bis zu 40 Prozentpunkte höher als die Wahlbeteiligung in sozial schwachen Milieus. Entsprechend sozial-verzerrt ist das Wahlergebnis. Pressemitteilung und Links

„Parteipräferenzen und Wählerpotenziale sind bei den Wählern und Nichtwählern sehr ähnlich verteilt“, sagt Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung.

c) Armin Schäfer: Der Nichtwähler als Durchschnittsbürger:
Ist die sinkende Wahlbeteiligung eine Gefahr für die Demokratie?
in: Evelyn Bytzek/ Sigried Roßteutscher (Hrsg.): Der unbekannte Wähler – Mythen und Fakten über das Wahlverhalten der Deutschen. Campus-Verlag 2011 (Seiten 133-154)

Schäfer schreibt in seinem Fazit: „Die Nichtwähler bilden keinen Querschnitt der Bevölkerung. Schriftsteller, Chefredakteure, Hochschulprofessoren oder EU-Beamte sind keine typischen Nichtwähler, auch wenn der Eindruck medial vermittelt wird.“

Man muss ergänzen: medial vermittelte oder vermittelnde Wähler sind allerdings auch kein Querschnitt der Bevölkerung, sondern stets (kommunikative) Oberschicht. Sich zum Nichtwählen oder Ungültigwählen zu bekennen ist in dieser Gesellschaft nicht opportun (von den wenigen Ausnahmen, die damit erfolgreich hausieren gehen können, abgesehen). Gewerkschaften, Kirchen, Jugendverbände, Naturschutzgruppen und zig andere Lobbygruppen rufen zur Wahlteilnahme auf.

Schäfer fasst (sicherlich völlig zutreffend) zusammen: „Je ärmer ein Stadtteil, desto weniger Wahlberechtigte wählen; und je geringer gebildet Menschen sind, desto seltener wählen sie.“

Ergänzen könnte man, dass dies auch auf Wahlkandidaten zutrifft (wobei es da auch nach oben eine Grenze gibt, denn Millionäre und Promis von außerhalb des Politikbetriebes sucht man auf Landeslisten wohl meist vergeblich).

Artikel von Armin Schäfer in der FAZ (vermutlich bald kostenpflichtig, aber die Zeitung bekommt ja auch keinen Rundfunkbeitrag…): „Demokratie? Mehr oder weniger“ (16.12.2015)

d) „Nichtwähler-Monitor“ für Sachsen-Anhalt 2015

Der „Nichtwählermonitor“ ist eine Auskopplung des „Sachsen-Anhalt-Monitor-Projektes“. Schwerpunkt sind die Meinungen und Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger des Landes zur politischen Partizipation im Allgemeinen und zur Landtagswahl im Besonderen. Der Fokus des Forscherteams lag auf Motivationen für die Beteiligung oder Enthaltung an der kommenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (2016) und auf der Ursachensuche für Wahlverweigerung (Nichtwählerforschung). (Quelle)

Insgesamt sind für den Monitor 1.590 Interviews im Zeitraum Juni und Juli 2015 geführt worden. Um einen möglichst hohen Anteil von Nichtwählern zu erreichen, wurde die Stichprobe für den Nichtwähler-Monitor dreistufig angelegt: Eine erste Teilstichprobe bestand aus 568 Befragten, die repräsentativ für Sachsen-Anhalt sind. Eine zweite Teilstichprobe setzte sich jeweils hälftig aus Personen mit und ohne Wahlbeteiligungsabsicht zusammen. Für die dritte Teilstichprobe wurden weitere 400 Personen aus Gemeinden ausgewählt, in denen es extreme Ausschläge vom Landesdurchschnitt  mit überdurchschnittlicher Wahlbeteiligung (Barleben 62,1 Prozent und Landsberg 56,1 Prozent) und unterdurchschnittlicher Wahlbeteiligung (Halberstadt 40,6 Prozent und Bitterfeld 38,4 Prozent) gab. Bei der letzten Landtagswahl 2011 lag die Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt bei 51,2 Prozent. [Text aus PM Kultusministerium]

Nichtwahl. Strukturmerkmale, Motivlagen und sozialräumliche Verankerung“ (2015), Zentrum für Sozialforschung Halle; direkt zur pdf (+ Methodenband)

e) Links zu Artikeln & Sendungen

* Akutell zur Landtagswahl Baden-Württemberg 2016: Beitrag über Nichtwähler und „Protestwähler“ (Mediathek)
* „Die Schamlosen: Wie Nichtwähler die Demokratie verspielen“ – ein Spiegel-Titel  als grandiose Journalismuskatastrophe (38/2013)
* Ein ganz guter Übersichtsartikel zum Nichtwähler-Typus in der Wirtschaftswoche (
* Nichtwähler sind dumm-elitär – und langweilig, findet Bascha Mika (war mal Chefred taz) (03.09.2013)
* Grandioses Nichtwähler-Bashing auch in der Stuttgarter Zeitung von einer sehr betagten Dame (03.09.2013)
* Entgegnung aufs Nichtwähler-Bashing (aufgehängt an einer Erregung von Carolin Emcke): Was nicht zur Wahl steht
* Der Ungültig-Wähler, das unbekannte Wesen (Zeit-Online 2009)
* Nichtwähler sind frustriert (sagt MPI)
* Nichtwähler sind desinteressiert (Allensbach);
* Arbeitslose Männer tendieren nach Rechts (Umfrage)
* Nichtwähler, arm und ungebildet – und verantwortungslos (Frankfurter Rundschau)

f) Nichtwähler-Bekenntnisse

* Fett und nicht mehr ganz frisch: Gabor Steingart, ein ganzes Buch („Die Machtfrage – Ansichten eines Nichtwählers“ ) Shortform hier.
* Warum ich nicht bei der Wahl war (aber jetzt hingehe…)  (Volksstimme, März 2016)

2 Thoughts.

  1. Pingback: Demokratie und Politik (Materialsammlung) | Timo Rieg - Statements

  2. Pingback: Schluss mit dem Nichtwähler-Bashing | Unwaehlbar.org

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