Gründe fürs Nichtwählen

Der Wahlwerbung, vor allem der publizistischen, zuwider hier eine offene Sammlung von Argumenten gegen die Teilnahme an der Bundestagswahl bzw. den Landtagswahlen in Hessen und Bayern.

– Die Spitzen der Parteien und damit die Spitzen der Politik in Regierung und Opposition sind nicht wählbar oder abwählbar. Über sichere Listenplätze ist ihnen der Einzug ins Parlament garantiert, solange ihre Partei über die 5-Prozent-Hürde kommt.

– Einzelkandidaten sind de facto nur von SPD und CDU wählbar. Wahlkreiskandidaten anderer Parteien oder gar freier Gruppen schaffen es so gut wie nie, die notwendige Mehrheit zu erlangen.

– Regierungspolitiker sind nicht wählbar, selbst wer Bundeskanzler/-in wird ist nur ein Wahlversprechen, er oder sie wird nicht direkt vom Volk gewählt.

– Die Zusammensetzung des Parlaments ist weder repräsentativ für die Bevölkerung noch eine gewünschte Elite-Auswahl.

–  Quereinsteiger gibt es in der Regierungspolitik selten, fast alle Minister sind Parteigewächse.

– Die finanzielle Abhängigkeit der Abgeordneten von ihren Parteien macht das freie Mandat zur Illusion. Bester Beleg dafür sind die fast durchgängig einheitlichen Abstimmungen.

– Wahlversprechen sind nicht bindend. Im Wahlkampf können Politiker das Blaue vom Himmel versprechen, ohne daran nach der Wahl gebunden zu sein.

– Während der letzten großen Koalition von 2005 bis 2009 hätten CDU und SPD alle drängenden Probleme lösen können. Haben sie aber nicht. Warum sollte man glauben, dass sie es irgendwann in der Zukunft schaffen? Politiker leben schließlich von den Problemen.

– Es stehen viel zu viele verschiedene Fragen an, auf die man nur pauschal mit einem Kreuz bei einer Partei antworten soll. Krieg, Bildung, Ethik, Medizin, Kultur, bürgerliches Recht, Strafrecht, Bürokratie, Umweltschutz und tausend weitere Dinge sollen alle pauschal von einer Partei vertreten werden. Das ist absurd.

– Pro Legislaturperiode verabschieden die Parteipolitiker etwa 500 Gesetze. Wie viele davon könnten die Bürger inhaltlich benennen? Diese Politik agiert ohne jede Rückbindung an den Bürger.

– Politiker entscheiden regelmäßig gegen den erkennbaren Mehrheitswillen des Volkes. Dies setzt voraus, dass man sich als Politiker für schlauer hält als das Volk, dem man sein Mandat verdankt. In jeder anderen Beziehung wäre das ein absoluter Trennungsgrund.

– Anders als im Zivilrecht möglich machen Politiker ständig Verträge zu Lasten Dritter.

– Lobbyisten sind weit bedeutsamer als Wähler. In einer Parteiendemokratie sind sie die wichtigste Einflussgröße für reale Politik.

– Politiker verstehen sich als “Herrschaft auf Zeit”, dabei sollten sie in einer Demokratie “Diener auf Zeit” sein – Servicekräfte des Volkes, das sich nicht um alle tagespolitischen Dinge selbst kümmern will.

– Die meisten für unser Leben relevanten Fragen stehen überhaupt nicht zur Diskussion. Wahlkampf und Berichterstattung fokussieren auf einige wenige Schlagworte.

– Der Wähler hat keinerlei Einfluss auf Partei- oder Wahlprogramme. Er muss das Komplettpaket nehmen, das die Partei geschnürt hat (und in dem stets viele bis zur Wahl unbekannte Überraschungen stecken).

– Politiker haften nicht für ihre Entscheidungen. Schlimmstenfalls wird jemand nicht mehr gewählt (bzw. von der eigenen Partei nicht mehr aufgestellt). Verschwendung von Millionenbeträgen, schlechte Gesetze etc. bleiben ohne Sanktionen.

– Alle gewählten Politiker haben in elementaren Fragen versagt. Die heutige Verschuldung von über 2 Billionen Euro etwa  ist eine seit Jahrzehnten fortwährender Rechtsbruch, eine Anmaßung, die Schaffung unlösbarer Probleme.

– Es gab in den letzten Jahrzehnten in keinem einzigen Themenfeld nennenswerte Verbesserungen durch die Politik.

– Tendenzen wie die Zunahme der Bürokratie, die Ausweitung der Staatsquote, das Wuchern von Vorschriften und damit verbunden die Einschränkung von Freiheit sind offenkundig – mit Blick in die Vergangenheit – unbeeinflussbar ungeachtet der Parteien, die gerade die Parlamentsmehrheit haben.

– Politiker halten sich selbst für unfähig. Also den  eigenen Berufsstand, wenn er in einer anderen als der eigenen Partei organisiert ist.

–  Politische Entscheidungen fallen kaum noch transparent im Bundestag, sondern in Ausschüssen und Klüngelrunden. Das Parlament ist nur noch eine Showbühne.

– Gewählte Politiker müssen anders als sonst jeder gewählte Vorstand keinen Rechenschaftsbericht ablegen, sich nicht überprüfen lassen. Und sie entlasten sich stets selbst.

– Alle Parteipolitiker sind Berufspolitiker mit entsprechender Karriereplanung. Dabei sind sie zwangsläufig ihrem Arbeitgeber Partei (der allerdings nicht der Gehaltsgeber ist!) mehr verpflichtet als ihrem Mandatgeber Wähler.

– Parteipolitiker handeln ständig Kompromisse aus. Kompromisse sind aber immer schlechter als die richtige oder von der Mehrheit gewünschte Lösung.

– “Staat”, “Gesetzgeber”, “Verfassungsgeber”, “Regierung”, “Parlament”, “Ministerium” – das sind alles Synonyme für Politiker, Parteipolitiker. Unter dem Deckmantel von Verfassungsorganen und Behörden führen sie ihr Eigenleben, ohne dass der Souverän irgendwelche Vorgaben machen könnte.

– Politiker schränken fortlaufend Rechte ein. Alle Grundgesetzänderungen haben Freiheiten beschnitten, nie welche geschaffen (vom “Widerstandsrecht” in Art. 20 Abs. 4 abgesehen).

– Bei den Änderungen des Wahlrechts (22 bisher) entscheiden Politiker über ihre eigene Geschäftsgrundlage. Seriöserweise müssten solche Dinge (wie Diätenerhöhungen) wegen Befangenheit von Nicht-Politikern entschieden oder wenigstens vorbereitet werden.

– Der Stimmzettel ermöglicht nicht zu sagen, dass man keine der angebotenen Parteien  und Direktkandidaten wählen möchte (außer indem man ihn “ungültig” macht).

– Parteien und ihre Berufsmitglieder haben keine Nachteile durch eine geringe Wahlbeteiligung, also auch keine Notwendigkeit, eine hohe Wahlbeteiligung durch gute Arbeit zu erreichen.

– Gewählte Politiker dürfen straffrei geschmiert werden, solange damit nicht direkt ein Abstimmungsverhalten gekauft wird.

– Berufspolitiker dürfen beliebig viele Nebenjobs haben, von denen sie die meisten nicht trotz, sondern wegen ihres Mandats ausüben.

– Politiker sind (der Presse) nicht auskunftspflichtig.

– Solange es kein Referendum gibt (Volksentscheid über vom Parlament beschlossene Gesetze) ist man der Willkür der Parteien ausgeliefert. Mit ihrer Wahl bestärkt man sie in diesem Agieren auch noch.

Ausführlicher und mit Reformvorschlägen und Alternativen versehen gibt es die „Mängelliste“ im Buch „Demokratie für Deutschland“.

4 Thoughts.

  1. Ich gehe deshalb nicht wählen, weil jeder dasselbe macht, egal welche Partei
    ich gehe arbeiten, bekomme Aufstockung und bekomme Keine!!! bezahlbare Wohnung, ist man bereit mehr zu bezahlen aus eigener Tasche. dann wird man auf die alte Miete zurückgestuft.
    Aus Krankheitsgründen kann und darf ich nicht mehr Stunden arbeiten ein Teufelskreis
    und das ist das tolle neue Harz4 Gesetz wo man ein Topf geschmissen wird und die Obdachlosigkeit droht.
    Das sind unsere tollen Politiker, nein danke

  2. Diese Argumente stimmen alle, aber kann mir jemand erklären inwiefern nichtwählen die Stituation ändert. Ich hatte dazu schon mit vielen Menschen diskutiert, aber eine schlüssige Erklärung was genau durch nichtwählen besser wird hat mir noch keiner gegeben.
    Es blieb immer bei relativ abstrakten Gründen:
    1. Das würde die BRD und die Parteien legitimieren was vermieden werden muss. Das ist zwar nicht ganz falsch, aber ein Wahlzettel ist weder mit Blut unterschrieben und verkauft auch nicht die Seele, wenn ich am nächsten Tag unzufrieden bin schulde ich der Partei die ich gewählt habe trotzdem keine Loyalität.
    2. Das Wahlrecht ist verfassungswidrig. Stimmt, aber dabei geht es um ca 30 Überhangmandate, die völlig irrelevant wären wenn sich die Mehrheiten in dem Maß verändern würden wie es die Nichtwähler bewirken könnten. Gerade. wenn alle Wählen gehen steigt doch die Wahrscheinlichkeit dass ein Gegenpol zu denen entsteht, die den Auftrag des Verfassungsgerichts und der Wähler nicht ernst nehmen.
    3. Die BRD ist ein Verwaltungskonstrukt unter der Knute der Besatzungsmächt und das Deutsche Reich von 1913 existiert noch und ein Bürger des deutschen Reichs darf sich nicht an unrechtmässigen Wahlen beteiligen. Angenommen das stimmt, inwiefern ändert sich durch nichwählen was daran? Die BRD Verwaltung ist nachher immer noch da und selbst wenn diese durch ein Wunder beseitigt werden würde dann sind da immer noch die Besatzungsmächte und der Rest der Welt, die auf keinen Fall ein Deutsches Reich dulden würden.
    Ich habe hier nur aufgeschrieben was ich schon mal gehört und gelesen habe und warum ich Zweifel habe das sich durch Nichtwählen was ändert. Ich suche nach einem oder mehreren Gründen die haltbar sind.

    • Aus unserer Sicht sind Punkt 2 und 3 irrelevant. Recht ist immer eine willkürliche Konstruktion.
      Es geht zunächst mal schlicht darum, nicht eine Partei oder einen Direktkandidaten zu wählen, wenn man nicht davon überzeugt ist, dadurch etwas zum Positiven verändern zu können. Mitmachen aus Gewohnheit oder Pflichtgefühl ist eine große Bremse für jede Veränderung.
      Durchs Ungültigwählen kann man seinen Protest zeigen. Wenn das genügend Menschen tun kann man hoffen, dass zumindest einzelne Medien auch fair darüber berichten – und dann kann es irgendwann vielleicht mal ernsthaft um Alternativen gehen.

      (Wenn in einem Verein, bei der Elternversammlung oder sonstwo nur ein Mensch für ein Amt kandidiert, dann sollte man ihn auch nicht wählen, wenn man ihn für ungeeignet hält – nur weil es keinen anderen gibt oder „der eh gewählt wird“. Bei jeder Wahl außerhalb unserer Parlamentswahlen kann man dies durch „Enthaltung“ kund tun, aktiv. Entsprechend sollte man einen Wahlzettel, der diese Möglichkeit nicht vorsieht, durchstreichen.)

  3. Mehr Demokratie

    Ich war immer ein Anhänger der sozialliberalen Koalition. In ihr vereinte sich der wirtschaftliche Sachverstand der F.D.P. mit dem sozialen Ausgleich der SPD. Und ich konnte noch an die Ideale beider Parteien glauben. Die SPD forderte sehr überzeugend – seit Willy Brandt mit „mehr Demokratie wagen“ – die Einführung von Volksabstimmungen auch auf Bundesebene. Im letzten Koalitionsvertrag war es bereits ausgehandelt, dann hat Merkel das wieder rausgestrichen und die SPD hat das hingenommen. Ich möchte mehr Demokratie und die Einführung von Volksabstimmungen auf Bundesebene. Die CDU verweigert das kathegorisch und meine Parteien die ich wählen würde(SPD oder F.D.P.) setzen es nicht durch, wenn sie mit der CDU zusammen regieren. Insofern fühle ich das Ideal mehr Demokratie von diesen beiden Parteien verraten. Weil sie mit der CDU regiert haben und keine Volksabstimmungen auf Bundesebene durchgesetzt haben. Insofern wähle ich die nicht mehr, bevor es keine Volksabstimmungen auf Bundesebene gibt. Die AfD fordert das, aber der Rest ihres Programms ist für mich nicht wählbar. Also bin ich nicht wählen gegangen. Wenn endlich Volksabstimmungen auf Bundesebene eingeführt würde, dann würde meine Politikverdrossenheit ein Ende finden. Nur ein Kreuz alle 4 Jahre ist mir einfach zu wenig Einfluss auf die Bundespolitik. Ich will auch in der Zwischenzeit Sachentscheidungen treffen. Mit mehr Demokratie und Volksabstimmungen auf Bundesebene würde ich wieder zufrieden sein.

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